Freitag, Juni 24, 2022
StartWIRTSCHAFTZinswende durch die EZB: Kampf gegen den Inflationsteufel

Zinswende durch die EZB: Kampf gegen den Inflationsteufel

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„Du bist spät dran – aber du kommst“, ruft Feldmarschall Illo in Schillers „Wallenstein“ dem Grafen Isolani zu. Auch die Europäische Zentralbank kämpft mit Verspätung gegen die Inflation, die sie lange Zeit unterschätzt hat. Mit der Einstellung ihres Anleihekaufprogramms Mitte des Jahres, einer sicheren Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte im Juli, einer sehr wahrscheinlichen zweiten Zinserhöhung um vielleicht sogar 0,50 Prozentpunkte im September und der Aussicht auf mögliche weitere Zinsen Zinserhöhungen im weiteren Jahresverlauf und danach bereitet sich der Zentralbankrat mit einer nicht alltäglichen Einmütigkeit auf eine längere Phase der Inflationsbekämpfung vor. Die Zeit der Negativzinsen dürfte im Herbst zu Ende gehen. Sparer werden sich freuen. Wer einen Kredit aufnehmen möchte, um zum Beispiel ein Haus zu bauen, sollte sich aber auch auf weiter steigende Zinsen einstellen.

Eine Zentralbank hat keine Möglichkeit, die Preise von Waren und Dienstleistungen direkt zu beeinflussen. Die Inflationsbekämpfung soll das Sparen attraktiver als den Konsum machen, die Finanzierung von Ausgaben über Kredite verteuern und das Vertrauen der Menschen in die Wertstabilität des Geldes erhalten. Die Geldpolitik wirkt sich indirekt auf das Preisniveau aus, indem sie versucht, die Gesamtnachfrage zu dämpfen. Die Geldpolitik wirkt mit Verzögerung; Laut dem Nobelpreisträger Milton Friedman sind diese Verzögerungen „lang und variabel“.

An der aktuellen Inflationsrate, die für das laufende Jahr für den Euroraum auf 6,8 Prozent geschätzt wird, kann die EZB daher wenig ändern. Aber sie könnte die Inflationsrate mittelfristig nahe an ihr Ziel von 2 % drücken.

Um dies zu erreichen, ist es entscheidend, dass die EZB das Vertrauen der Menschen nicht verliert. Denn wenn die privaten Haushalte nicht mit sinkender, sondern auf hohem Niveau verharrender oder sogar weiter steigender Inflation rechnen, werden sie ihren Konsum trotz höherer Zinsen nicht einschränken, sondern im Gegenteil versuchen, aus Angst vor Kursrückgängen die Anschaffungen vorzuziehen Inflation. Genauso verheerend wäre es, wenn es durch einen Vertrauensverlust in die Geldpolitik zu einer Spirale immer weiter steigender Löhne und Preise käme.

Die Gefahr dieses Vertrauensverlustes wurde der EZB erst mit Verzögerung bewusst. Leider werde die Inflationsrate wohl noch länger höher bleiben als gewünscht, kündigte sie am Donnerstag an. Das Vertrauen in die Bereitschaft der Geldpolitik, entschieden gegen eine Währungsabwertung vorzugehen, erfordert jedoch nicht nur eine eindeutige Sprache, sondern auch eindeutiges Handeln. Betrachtet man die Entscheidungen anderer Notenbanken der letzten Wochen, hätte eine um ihre Reputation besorgte EZB wohl besser daran getan, die Zinsen sofort um 0,50 Prozentpunkte anzuheben.

Die EZB brüstet sich mit ihrem „graduellen“ Politikeinsatz, der Souveränität ausstrahlen soll. Allerdings ist der Anstieg der Inflationsrate, auf den die Notenbank reagieren sollte, alles andere als „allmählich“. Mit ihrem ersten Chefvolkswirt Otmar Issing hätte die EZB in der jetzigen Situation sicher schneller reagiert als mit ihrem jetzigen Chefvolkswirt Philip Lane, der eigentlich als sehr kompetenter Ökonom gilt, aber die Inflationsbekämpfung zu lange hingezogen hat .

Auch der Umgang der EZB mit Anleihekäufen ist nicht wirklich konsequent. Das überfällige Ende des Programms geht einher mit dem Verzicht auf eine weitere Aufstockung des ohnehin enormen Portfolios von 4,4 Billionen Euro. Aber es ist nicht zu erwarten, dass es in absehbarer Zeit zurückgeht. Daher wird die EZB auslaufende Anleihen in ihrem Portfolio durch neue Anleihen ersetzen. Sie bleibt also ein wichtiger Anleihenkäufer in einem Markt, in dem sie außer in schweren Krisen kein Geschäft hat.

Zudem behält sich die EZB vor, gegebenenfalls mit neuen Programmen auf Verwerfungen an den Rentenmärkten zu reagieren. Im Klartext bedeutet dies, dass bei Zweifeln der Anleger an der Schuldentragfähigkeit der Euro-Mitgliedsländer eine zusätzliche Marktunterstützung durch die EZB möglich wird, auch wenn deren Präsidentin Christine Lagarde diese Absichten auf der Pressekonferenz nur vage ansprach. Fraglich ist, ob sich die EZB in einer Phase steigender Zinsen aus dem Griff der Finanzpolitik befreien kann.

„Wir kommen auch nicht mit leeren Händen“, antwortet der Isolani in „Wallenstein“ auf Illo. Auch im Kampf gegen die Inflation sind die Hände der EZB nicht leer. Aber sie sind wahrscheinlich nicht so gut gefüllt, wie sie sein sollten.

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